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Was stärkt die Gesundheit von Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrungen?

Tagungsbericht zum FACHFORUM: Frauen, Flucht, Gesundheit

Die Tagung fand am 23.6.2017 von 11:00 – 15:00 Uhr im Forum der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln statt. Sie war eingebunden in die Diversity-Woche der Universität zu Köln.  


Wie können Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen Zugangsbarrieren für geflüchtete Frauen abbauen? Welche stärkenden Angebote sind wirkungsvoll? Und welche Konzepte bewähren sich bereits? Diese und weitere Fragen griffen unter anderem Vertreterinnen der Charité Berlin, der HAW Hamburg und der Universität zu Köln auf und stellten ihre Ansätze und Standpunkte in der Arbeit mit Geflüchteten vor.


Ankommen im Gesundheitssystem: Vor welchen Herausforderungen stehen geflüchtete Frauen?

Ein Publikums-Gespräch mit Vykina Ajami und Sonja Kattoub vom Begegnungs- und Fortbildungszentrum für muslimische Frauen e.V.

Das Begegnungs- und Fortbildungszentrum für muslimische Frauen in Köln leistet Integrationsarbeit mit den Schwerpunkten Bildung, Begegnung, Beratung und Betreuung. Im Rahmen des Projektes „Flüchtlingsarbeit von Muslim_innen – passgenau, empathisch, integrativ“ kümmert sich die Organisation um Geflüchtete aus dem arabischsprachigen Raum.

Frau Ajami, Frau Kattoub und die Tagungsgäste berichteten von folgenden gesundheitlichen Themen im Rahmen ihrer Beratungsarbeit:
 
Ein großes Problem sei die Sprachbarriere in der medizinischen Versorgung Geflüchteter. Arabischsprachige Hausärzte seien aufgrund des hohen Bedarfs sehr ausgelastet.
Als hilfreich erweise sich hier der „Gesundheitswegweiser für Migrantinnen und Migranten“ der Stadt Köln, der eine Auflistung niedergelassener Ärzt_innen, Therapeut_innen, Kliniken, Beratungsstellen und Apotheken mit unterschiedlichsten muttersprachlichen Kompetenzen enthält.

Der Umgang mit Verhütung wurde als weiteres wichtiges Thema in der Beratung geflüchteter Frauen benannt. Als Hilfsangebote wurden hier z. B. die Schwangerschaftskonfliktberatung des Gesundheitsamtes der Stadt Köln genannt, die frauenärztliche Grundversorgung und Mutterschaftsvorsorge für nicht krankenversicherten Frauen sowie Hilfe bei der Antragstellung zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln für Frauen im ALG II-Bezug und kostenlose Schwangerschaftstests anbietet. Ähnliche Angebote gebe es auch in anderen Städten.


Frauen auf der Flucht – Differenzierungen, Herausforderungen und Chancen einer komplexen Situation
Vortrag von Dr. Christine Kurmeyer, Gleichstellungsbeauftragte Charité Berlin

Frau Dr. Kurmeyer stellte das Projekt „Charité für geflüchtete Frauen: Women for Women“ sowie die Ergebnisse ihrer Studie „Study on Female Refugees - Repräsentative Untersuchung von geflüchteten Frauen in unterschiedlichen Bundesländern in Deutschland" (veröffentlicht: 21.03.2017) vor.

Ziel des Projekts „Charité für geflüchtete Frauen: Women for Women“ ist es, Barrieren im Zugang zur gynäkologisch- geburtshilflichen Betreuung von geflüchteten Frauen in Unterkünften des Landes Berlin abzubauen und gleichzeitig eine präzise Datenerhebung über die spezifischen Bedürfnisse und Hindernisse der Frauen zu leisten.
So wurden im Rahmen des Projektes Frauengesprächskreise in Unterkünften für Geflüchtete angeboten. Parallel dazu wurden mit Hilfe von Fragebögen Daten zu Alter, Herkunft, Bildung, Berufstätigkeit sowie zur gynäkologischen Versorgung der Frauen erhoben.
Außerdem berichtete Frau Dr. Kurmeyer von ihrer Initiative „Runder Tisch für geflüchtete Frauen in Berlin“. Der Runde Tisch ist ein Netzwerk aus ca. 34 Organisationen, die im Bereich der Betreuung, Beratung und Begleitung weiblicher Flüchtlinge in Berlin aktiv sind. Frau Dr. Kurmeyer unterstrich in diesem Zusammenhang die Bedeutung der örtlichen Vernetzung für den Abbau von Barrieren in der gesundheitlichen Versorgung geflüchteter Frauen.

Im Rahmen der Diskussion wurde auf die NRW-Koordinationsstelle „welcome@healthcare“ hingewiesen, die Akteur_innen im Pflege- und Gesundheitsbereich dabei hilft, geflüchtete Menschen in medizinische Berufe zu integrieren.

Präsentation von Frau Dr. Christine Kurmeyer.

Geflüchtete als Multiplikator_innen für Gesundheitsförderung: Das Forschungsrojekt REFUGIUM
Präsentation von Montaha Shafiq Neuhaus, Sona Sainju, HAW Hamburg

Das Projekt REFUGIUM (Rat mit Erfahrung: Flucht und Gesundheit – Information und Multiplikation) bildet geflüchtete Frauen und Männer zur Förderung ihrer Gesundheit als Multiplikator_innen in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Hygiene, psychische Gesundheit und Gesundheitsversorgung in Deutschland aus. Zu diesen Themen stellt das Projekt Flyer und Manuale zur Verfügung, die mit einfachen Abbildungen und in verschiedenen Sprachen zu gesundheitlichen Themen informieren. In die Ausarbeitung der Flyer, Manuale und Seminare wurden Geflüchtete aktiv mit einbezogen.

Das Material zum Download.

Präsentation „Refugium“.


Die Health Buddies an der Universität zu Köln
Präsentation von Louisa Fettweis, Fachschaft der Medizin / Universität zu Köln

Die AG „Health Buddies“ ist eine studentische Initiative der Fachschaft Medizin in Köln, die geflüchtete Menschen bei Arztbesuchen begleitet, diese organisiert und ein Netzwerk aus Dolmetschenden und unterstützenden Ärzt_innen aufbaut. Ziel der Health Buddies ist es, Asylsuchenden feste Ansprechpartner_innen für medizinische Belange zur Verfügung zu stellen.

Im Anschluss an die Präsentation entstand eine Diskussion zum Thema „Dolmetschen“. Insbesondere der Einsatz von ehrenamtlichen, nicht qualifizierten Dolmetschenden wurde kritisch reflektiert. An dieser Stelle wurde auf den Einsatz von Video-Dolmetscher_innen im medizinischen Bereich hingewiesen.

Präsentation „Health Buddies“.


Abschließende Plenumsdiskussion „Wie stärken wir die Gesundheit geflüchteter Frauen?“

Prof. em. Dr. Ursula Boos-Nünning, Universität Duisburg-Essen
Frau Dr. Christine Kurmeyer, Gleichstellungsbeauftragte der Charité
PD Dr. Clara Lehmann, Uniklinik Köln
Maike Nadar, Sozialdienst für Flüchtlinge Stadt Köln
 

Zur Stärkung der Gesundheit geflüchteter Frauen wurde auf die Notwendigkeit eines effizienteren Ressourceneinsatzes hingewiesen. Dabei müsse die Integration über längere Zeit effektiv betrieben werden. Bei der Integration seien Kinder in vielerlei Hinsicht wichtige Schlüsselfiguren. Über die Gesundheit der Kinder könnten beispielsweise auch die Eltern adressiert und erreicht werden.

Vorurteile, die mangels Integrationsmaßnahmen in Bezug auf die Gastarbeiterfamilien der 60er Jahre entstanden seien, zeigten sich nun angesichts der neuen Fluchtwelle wieder. So pflegten viele Menschen zum Beispiel noch das stereotype Bild der unterdrückten Frauen aus muslimischen Familien, obwohl dieses Bild nur in den wenigsten Fällen der Wahrheit entspräche. Auch der „traumatisierte Flüchtling“ sei ein weit verbreitetes Vorurteil. Dieses Bild sei initial bei dem Versuch entstanden, auf die psychologische Unterversorgung von Geflüchteten aufmerksam zu machen. Jedoch kategorisiere es Geflüchtete als „Opfer“ und dränge sie in die entsprechende Rolle. Zur Beseitigung derartiger Vorurteile müsse ein Prozess der Selbstreflexion in der Bevölkerung ausgelöst werden. Die Integration könne nicht gelingen, wenn die gleichen Strukturen wie vor 70 Jahren genutzt würden. Wichtig sei es, sich mittels besserer Vernetzung und durch die Einbindung von Migrations- und Flüchtlingsorganisationen neu aufzustellen. Für die Medizin bedeute dies, in der Lehre die „sprechende Medizin“ sowie interkulturelle Kompetenzen zu stärken.
Betont wurde auch die Notwendigkeit der Integration von Männern. Diese spielten eine wesentliche Rolle in den Familienstrukturen. Dieser Rolle seien sie im Zuge der Flucht häufig beraubt, sodass ihre Position instabil sei. Die Integration der Männer und Frauen bedinge einander. Deshalb gebe es beispielsweise an der Charité zwecks Frauenkarriereförderung einen Vaterbeauftragten.

Moderation:
Viola Kelb / Prodekanat für Akademische Entwicklung und Gender der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln
Dr. phil. Houda Hallal / Studiendekanat der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln